„Gruß nach Mailand“, 70 x 100 cm,
Gouache, Acryl, Aquarell und Tusche auf Papier, 2001

 

Patrick Lemke, geb. 1972, spielt in seinen malerischen Arbeiten mit Formen und Wesen, die sich frei im Bildraum zu bewegen scheinen. Er bearbeitet Leinwand mit Lack und Terpentin, bis dass ein verwaschener Hintergrund erreicht ist, auf den reale Gegenstände wie schwebend gesetzt sind.

(Fr. B. Krieger, Düsseldorf, 2006)

 

„second shadows“, 100 x 120 cm, Lack und Öl auf Leinwand, 2007


Es ist immer schwierig Künstler und Kunstwerke in ein Schema einzuordnen oder Einflüsse bestimmter Stilrichtungen aufzuzeigen. Will man Lemkes "Studien" in einen kunsthistorischen Kontext setzen, könnte man impressionistische Motive dahingehend wiederfinden, dass beispielsweise auch Claude Monet Landschaften mehrfach in unterschiedlichen tageszeitlichen Stimmungen gemalt hat. Eine Aufteilung des Bildganzen in kleinere Ausschnitte, wie Lemke sie in seinen Studien zeigt, könnte aber genauso durch eine kubistische Bildauffassung begründet sein.

(Heike Froehlich M.A., Museum Baden Solingen, 2004)


 

„Die Architektur der Horizonte“, 140 x 150 cm,
Lack und Öl auf Leinwand, 2004

 

Patrick Lemke _cyberscapes_

Innerhalb der jungen Deutschen Malerei nimmt der 1972 in Montreal, Kanada, geborene Patrick Lemke eine besondere Position ein. Ursprünglich hatte Lemke seine Malerkarriere an der Universität der Künste Berlin bei Prof. Fritz Weigle begonnen. Bei Weigle, der als Vertreter der Frankfurter Schule unter dem Pseudonym F. W. Bernstein auch als Karikaturist des Zeit-Magazins bekannt geworden ist, hat Lemke vor allem fotorealistische Schwarz-Weiß-Arbeiten angefertigt. Nach dem Wechsel an die staatliche Kunstakademie Düsseldorf zu Markus Lüpertz arbeitete der junge Künstler zunächst ungegenständlich aber buntfarbig. Ähnlich wie der etwas ältere Daniel Richter hat sich Lemke nach ausgedehnter Beschäftigung mit der Abstraktion anschließend mit neuem Interesse der gegenständlichen Kunst zugewandt. Das bisher größte Werk des Künstlers entstand im Jahr 1999 in Karlsruhe, auf über 150 Metern gestaltete der Künstler ein Panoramabild von 4,70 Höhe.

Ästhetisch sind die Arbeiten des Zweiunddreißigjährigen einem großen Publikum auffallend zugänglich; sie sind schön und vexierbildhaft zugleich. Dabei wählt Lemke geprägt durch den im Studium erworbenen kunsthistorischen Horizont bevorzugt eine Bildgattung, die nicht unbedingt für ihre besondere motivische Freiheit bekannt ist: die Landschaft. Lemke, ein Kind des Medienzeitalters, der die Generation von Technomusik und virtuellen Welten vertritt, entdeckt die traditionelle Gattung des Landschaftsbildes neu. Er tut dies inhaltlich und auf eine unnachahmliche Weise. Patrick Lemke hat dabei eine persönliche Handschrift gefunden, die seine Bilder unverwechselbar macht. Technisch sind seine Arbeiten in großer Souveränität als Mischtechnik in Öl und Lack auf Leinwand ausgeführt. Lemke verwendet bevorzugt Bildformate, die den Harmoniegesetzen der französischen Akademietradition folgen.

Innovation liegt vor allem darin, wie Lemke in seinen Gemälden die Parameter der Wirklichkeit archiviert und neu ordnet. Sein „Flächennutzungsplan“ für Landschaften zeigt separierte Farbfelder. Die meisten seiner Landschaften sind in Gruppen von „Himmelstudien“ oder „Landschaftstudien“ aufzuteilen. Lemke setzt seine Farben als „Dingfarben“ ein. Das Blau ist der Himmel, Weiß die Wolken, Grün die Erde, weiße Spraypunkte erinnern an Lichtreflexe. Bei den Himmelstudien werden auf hellblauem Grund verschiedene Blautöne für Mittag oder Abend zusammen mit Blauimpressionen eines südlichen oder nördlichen Himmels in Szene gesetzt.

Gelegentlich bettet Lemke auch Elemente der Mythologie oder Allegorie in seine Bilder ein, wenn etwa ein kleiner Cupido oder auch nur Pfeile oder Sterne in der Luft erscheinen. Neben diesen symbolhaften Elementen traditioneller Hochkultur weitet Lemke sein enzyklopädisches Interesse auch gelegentlich auf andere Elemente der Luft aus, wie Fliegen, Wildgänse, selten Flugzeuge, Raketen, Heißluftballons oder Regentropfen. Die Landschaftsstudien zeigen auf blauem Grund grüne Grundstücke, Häuschen oder Wolken und gelegentlich Details der urbanen Welt, wie Straßen mit Fahrbahnmarkierungen, Ampeln, Telefonzellen oder Hochspannungsleitungen.

Lemke begegnet mit seinen Gemälden der Erwartungshaltung der Rezipienten, was denn nun auf ein Landschaftsgemälde gehört. Lemkes Innovation besteht vor allem darin, die Elemente der Landschaft neu zu ordnen und in die Gegenwart zu transformieren. Seine Landschaften erinnern deshalb an Flugsimulatoren oder die typischen Windows-Bildschirmschoner, in denen zentralperspektivische Elemente auf den Betrachter zufliegen. Die Aufgliederung der Landschaftsräume folgt damit auch klassischen Computerspielen wie „Sim City“ oder „Anno 1609“.

In anderen Bildern beschäftigt sich Lemke mit dem Prinzip des Zufalls. Terpentin- oder Farbspritzer werden großflächig auf der Leinwand verteilt. Kleine farbige Kästchen an der Seite erinnern an Schalter oder Farbproben bei gedruckten Meterwaren von Stoffen. Man ist versucht den Farben automatisch eine tiefere Bedeutung zu geben. Weitere Akzente setzten kleine Staffagefiguren. Im freien Fall oder in verschiedenen Posen erscheinen kleine Jungs. Sie erinnern an Skateboardfahrer oder Festivalbesucher. Dabei scheinen einige ikonografischen Mustern z.B. des Christusbildes oder des Christopherusbildes verpflichtet. Ausgangspunkt dieser Arbeiten sind formale Kriterien. Lemke liefert eine Persiflage auf Wassily Kandinsky oder Paul Klee, die in ihren ungegenständlichen Werken Räumlichkeit zu einem Hauptthema machten, wenn er mit seinen Figuren dem Raum Proportion und Perspektive verleiht. Gerade mit der Staffage seiner Arbeiten irritiert Lemke die Betrachter durch perspektivische Volten und Spielereien.

(Colmar Schulte-Goltz M.A., Kurator des kunst-raums, Raum für junge Kunst, Essen, 2004)


 

„Schwedengrün“, 140 x 195 cm, Lack und Öl auf Leinwand, 2004

 

Die einleitende Frage, welche Bedeutung die Ausbildung an der Kunstakademie Düsseldorf für ihn habe und welche Rolle dabei die Einstellung zu seinem dortigen Professor Markus Lüpertz für ihn gespielt habe, beantwortet Lemke mit seinem persönlichen Wunsch, sein Studium nicht nur an einer Akademie zu absolvieren. Die ersten drei Studienjahre verbrachte er in der sogenannten "Comic - Klasse" bei Professor Fritz Weigle in Berlin, am einzigen Lehrstuhl für Karikatur- und Bildgeschichte in Deutschland. Dort stand das Zeichnen, speziell das Aktzeichnen und Charakterzeichnungen im Vordergrund. Nach dieser für ihn sehr lehreichen Zeit entschied sich der Student vor allem der Professoren wegen für den Wechsel an die Kunstakademie Düsseldorf. In Düsseldorf sah Lemke seine persönlichen,. künstlerischen Interessen besser gefördert als in Berlin. Die besondere Auseinandersetzung mit dem malerischen Mittel, wie "Überbuntheit", "drippings" oder auch "gestische Malerei" empfand der junge Künstler besonders bei Lüpertz glaubhaft behandelt. Als Schlüsselerlebnis gibt Lemke den Besuch einer Realistenausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin an, bei der kein einziges gesehenes Werk sein persönliches Lebensgefühl ausdrücken konnte Der Über Jahrhunderte ausgebaute Realismus in der Malerei, den Lemke zunächst selber auch befürwortet hatte, empfand er plötzlich nicht mehr glaubhaft und aussagekräftig. Nach diesem Erlebnis hatte er erstmals das Gefühl, dass ungewollt gesetzte Farbe ehrlicher sein kann als eine durch Realismus definierte Farbgebung. Riesenformate eines Baselitz oder Lüpertz, bei denen das "Gespritzte" von Farbe oder das "Schmoddern" in Farbe im Vordergrund stehen waren so überwältigend für ihn, dass er sich entschloss bei Lüpertz seine Studien fortzusetzen. Dabei stellte er sich auch die Frage nach dem Bestand einer solchen künstlerischen Bild- und Farbauffassung. Die Frage nach dem Bleibenden ist für Patrick Lemke noch nicht gelöst und beschäftigt ihn auch weiterhin.

Der unbestimmt gesetzten Farbe in der nichtgegenständlichen Malerei möchte er wieder eine inhaltliche Bedeutung zukommen lassen. Farbstreifen sind in seinen Bildern nicht allein gesetzte Farbe, sondern werden zum Beispiel mit Fahrbahnstreifen assoziierbar und Farbtropfen werden zu Tropfen aus einer Regenwolke. Die Beliebigkeit oder Willkürlichkeit der Farben möchte Lemke noch doppeln, indem er auch die thematischen Motive willkürlich setzt. Allein die Ordnung nach Farben und Formen kann zu den unterschiedlichsten realen Umsetzungen führen. Ein gelber Punkt kann zum Beispiel eine Sonne, eine Goldmünze oder eine Zitrone sein, so dass es am Ende nicht im Vordergrund steht, welcher Gegenstand tatsächlich im Bild auftaucht. Einzig wichtig ist, dass er den Kriterien von Farbe und Form entspricht.
Professor Lüpertz beeindruckte den Studenten durch sein Wesen und durch viele künstlerische Details in seinen Bildern, trotzdem ist es Lemke immer gelungen, seine eigenen Zielvorstellungen im Auge zu behalten.

Ideengrundlage vieler seiner Bilder bot und bietet der Computer und Computerzeitschriften. Die unnatürliche, neuartige Farbigkeit der technischen Welt empfindet er als Herausforderung. Farbtöne, aus "Lightmaps" entliehen, kommen so in der Natur eher nicht vor, werden aber trotzdem mit entsprechenden natürlichen Gegenständen assoziierbar. Des Weiteren zeichnet sich seine Malerei durch isometrische Perspektiven ohne Fluchtpunkt aus. Auch diese Idee hat Lemke aus der Welt der Computerspiele. Es entstehen einfachste Räume, die zu einer schnellen Bildaufnahme führen. Lemke vergleicht diese simplen Raumdarstellungen auch mit der Raumauffassung der Vorrenaissance, zu finden beispielsweise bei Giotto. In diese Raumbildgründe setzt Lemke geometrische Formen, die frei vom Grund Bildausschnitte darstellen, die dann wiederum als unterschiedliche Motive erkannt werden. Wie bei Computerprogrammen wird Haptisches symbolisiert.

Bei seinem Öl - Gemälde mit dem Titel "Modus", 2000, wird der Betrachter beispielsweise an eine Explosion erinnert, die er in einem Cockpit erlebt. Die Explosion wird durch kräftiges "zersprengtes" Rot sichtbar. Kleinstteile,. assoziierbar mit Schaltknöpfen, haben keine Position mehr inne und befinden sich frei im Raum. Stahlstreben sind ins Bild gerückt und imaginieren die Form eines Flugzeugcockpits.

Das Bild "Mauer", Acryl auf Nessel, lässt die ins Format eingeschobene "gläserne" Mauer transparent erscheinen, was an den gewählten unnatürlichen Farben und den weiß belassenen Leinwandflächen liegt. Damit wird die "Undurchdringbarkeit'" einer Mauer aufgehoben und anhand der Schönheit von Farbkontrasten ins Gegenteil gekehrt. Dargestellte Kreisformen werden als "Drehregler" und "Knöpfe" aus der Computerwelt in greifbare Formen gebracht, sind aber illusionistisch und funktionslos. Lemke greift hierbei wieder die Designkomponenten aus technischen und digitalen Geräten auf.

(Heike Fröhlich und Björn Frahm, Hamburg 2003)

 

 

„Spots of silence“, 90 x 145 cm, Lack und Öl auf Leinwand, 2007

 

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